Eine ganz besondere Undine

Die Geschichte von der kleinen Meerjungfrau, die Mensch werden möchte, ist ein alter Mythos. Dichter und Musiker haben den Stoff in Märchen und Opern verarbeitet. Für das Kanu-Wander-Theater (KWT) holte Regisseurin Kerstin Steeb die Erzählung in die Gegenwart. Ihre Inszenierung mit dem Titel „Von Meerjungfrauen, Nixen und Wassermännern“ verwandelte das langatmige Szenentheater in ein inspiriertes Spiel mit straffen Dialogen und magischer Musik.

70 große und kleine Menschen wirkten am Erfolg des KWT mit: Amateure und Profis, drei Opernsängerinnen und ein Männerquartett, Schauspieler und Musiker, Sportler und Parcoursakrobaten, Freiwasserschwimmerinnen und Taucher, Schüler und Lehrer, Menschenkinder und Wassergeister – eine schier unglaubliche Besetzung.

Steebs Undine-Story spielte mit dem Traum der Nixe vom Menschsein ebenso wie mit den Urängsten der Menschen vor dem Wasser. Die Texte waren den Menschen und Orten zugeschrieben, Sprache und Habitus der Gegenwart prägten die Spielszenen. Über elf Stationen veranschaulichte die Regisseurin, was einer jungen Nixe passiert, wenn sie ihre mystische Wasserwelt gegen zwei Beine, menschliche Gefühle, Tränen und eine Seele eintauscht – sie scheitert am Ende an der nur allzu menschlichen Liebe.

Alles beginnt damit, dass das Fischerpaar seine Tochter ans Wasser verliert. Bertalda ist jedoch nicht ertrunken, sondern wird vom Grafen gefunden und wächst an seinem Hof auf. Sie bandelt mit dem Ritter Huldbrand an. Dieser lernt in einem gefährlichen Wald die menschlich gewordene Undine kennen und verliebt sich in ihre Unschuld. Die ehemalige Nixe war zwischenzeitlich von Bertaldas leiblichen Eltern gefunden und an Kindes statt angenommen worden. Kühleborn hatte Undines Verwandlung gestattet, ihr aber einen Pakt aufgezwungen: Sie darf nur Mensch sein, wenn sie vom Geliebten geachtet wird. Verspottet er sie, muss sie zurück ins Wasserreich, er sterben. Die jungen Menschen freunden sich an, doch der Dreierkonstellation ist kein Glück beschieden.

Schalk und Ironie würzten die Geschichte: Nixen-Badeanzüge säumten eine Wäscheleine. Der behelmte Ritter Huldbrand brauchte für seinen Sattel kein Pferd, sondern war auf einem Bonanzarad mit Fuchsschwänzen sportlich unterwegs. Die hippe Bertalda fixte ihn an wie auf dem Dancefloor – der deutlich weniger geschmeidige Dialog beim ersten Aufeinandertreffen klang jugendtypisch mehr nach gesprochener SMS.  Dazu passte, dass die Wassergeister wie Zombies heranrückten und ein Wasserjunge mit dem Muschelhandy telefonierte. Taucher suchten zwischen den Kanadiern nach Undine, die mit einem großen Schwanzschlag im See entschwundenen war. Der Wassermann Kühleborn philosophierte zu den Künsten junger Akrobaten über Seele und Anatomie, kitzelte später das Zwerchfell des Publikums mit einem Exkurs übers Apnoetauchen.

Großen Anteil an der Atmosphäre hatten natürlich Wasser und Ufer, Wald und Lichtungen, Brücken und alte Mauern am Schaalseekanal, Salemer See und Pipersee. Steeb bewies auch einmal mehr ihr Händchen bei der Auswahl der Aufführungsorte.

Eindruck hinterließ auch die Musik: Am roten Vorhang erklang Schuberts „Forelle“, folkig auf der Gitarre dargeboten von Kjell Kitzing. Kurze Zeit ertönte der Sound einer Handpan – ein obertonreicher Sphärenklang, komponiert und gespielt von Louis Lüders. „after 7“ ließ beinahe das Weiterpaddeln vergessen. Mit Dvořáks Lied an den Mond aus „Rusalka“ besiegelte Undine ihren Pakt zur Menschwerdung. Freja Sandkamms Sopran ließ die Nixe zugleich kraftvoll und verletzlich klingen – die Gänsehaut kam nicht vom Schatten des unheimlich wirkenden Waldstücks.

Einen ungeheuer intimen Moment erlebten die Zuschauer auf dem großen Salemer See, wo Undine, Bertalda und Huldbrand ihre Liebe und Freundschaft beschwören: In absoluter Stille und Nähe schwangen sich Alina Behnings satter Mezzosopran (Undine) und Pauline Schönlebens heller Sopran (Bertalda) zum Duett auf. Ein leichter Wind drehte dabei langsam ihren Kahn – wie ein unabsichtliches Symbol für die Kräfte der Natur, die noch wirken sollten. Den Schlussakkord setzte das Männerquartett „Die ARTgenossen“ mit Heinrich Heines Loreley.

Text: Eva Albrecht, Fotos Antje Berodt

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