Großes Theater mit Eisprinzessin & Tigerin

Was für ein Spaß, was für ein Solo! Schauspielerin Kerstin Wittstamm (Freie Bühne Wendland) bezirzte ihr Publikum im Ritzerauer Heubodentheater mit Bühnenkunst im Doppelpack: Wittstamm spielte K. H. Waechters „Eisprinzessin“ und Darios Fos „Geschichte einer Tigerin“ und zeigte dabei ihre Wandelbarkeit und komödiantische Gabe. Die Zuschauer belohnten Spielkunst und Stücke mit sattem Applaus und Bravorufen.

Beide Geschichten erzählen Unglaubliches. Beide leben dabei von der Fantasie des Publikums. Waechters „Eisprinzessin“ ist ein verwickeltes Märchen mit vielen Wendungen und überraschendem Happyend. Es strotzt vor erotischen Anspielungen –  ohne etwas beim Namen zu nennen. Nur der Ton und die Fantasie lassen hier ein ganzes Orchester spielen. Ohne diesen Subtext könnten es auch Kinder hören.

Wittstamm verwickelte und entwirrte die Geschichte ganz allein, vereinte in sich mühelos die Hauptpersonen. Sie war des Teufels Großmutter, die die Handlung erzählt und behext. Sie war die hochnäsig kalte, männermordende Prinzessin, der eine Lektion in Sinnlichkeit erteilt wird. Sie war der verliebte heißblütige König von Sizilien, der erst durch die Hölle muss, bevor er – getarnt als Mädchen – die Prinzessin gewinnen kann.

In Dario Fos „Geschichte einer Tigerin“ setzte Wittstamm nach der Pause noch einen drauf. Die volkstümliche Farce handelt von einem schwerverletzten chinesischen Revolutionskämpfer, der von einer Tigerin gerettet wird. Der Tiger – das muss man wissen – hat in China allegorische Bedeutung: Wer „den Tiger hat“ leistet immer Widerstand, gibt niemals auf. Fos kritische Satire entfaltet eine derbe Komik. Die Schauspielerin fraß die fast 45 Minuten lange Story vom einfachen, aber schlauen Soldaten nur so weg – und packte das Publikum von der ersten bis zur letzten Sekunde. Da spürte man ihre Straßentheaterfahrung.

Auch in diesem Stück versetzte sich Wittstamm in verschiedene Charaktere. Sie gab den Kämpfer, die grollende Tigermutter und das trotzig maunzende Junge. Beiläufig zeichnete sie ein Bild der verunsicherten Dorfbewohner und der überheblichen Parteifunktionäre mit ihrem Fachchinesisch.  Das Publikum litt mit dem kleinen Soldaten bei Maos langem Marsch und Verwundung. Es quälte sich mit ihm bei Verdauungs­vorgängen nach einer Überdosis Tigermilch. Ihm lief – wie den Raubtieren – beim Genuss würzigen Grillfleischs das Wasser im Mund zusammen.

Es war amüsant, zu verfolgen, wie die Tiger dem verängstigten Menschen allmählich zur Ersatzfamilie werden samt typischer Be- und Erziehungskrisen, Debatten um Hilfe im Höhlenhaushalt, Rollentausch und Ringen um Respekt.

Gleichwohl ist das Publikum erleichtert, als der mittlerweile gesundete Soldat in ein Dorf flieht, wo ihm aber kein Mensch seine Geschichte glaubt. Als die Tiger ihn dort auffinden und die Tigerin ihm zunächst eine Szene macht, begreift er letztendlich, dass er auf die erworbenen Familienbande zählen kann.

Am Ende wird alles gut: Der Soldat ruft die Tiger in der Not und schlägt mit ihnen nach und nach alle Feinde des Volkes in die Flucht – zum guten Schluss sogar die nervige Partei selbst. Schade nur, dass diese Frau nicht noch länger spielte und man den Tiger nicht mit nach Hause nehmen konnte.

Text + Fotos Eva Albrecht  

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