Bormanns faszinierende Streifzüge

(Foto: © Bormann)

Der nahe Mechower See inspiriert sie, doch ihr gesamtes Revier reicht von Island über Afrika bis zum Amazonas. Claudia Bormann präsentiert in ihrem Ratzeburger Atelier am Forellenweg ausgewählte Malerei und Zeichnungen. Ihre „Streifzüge“ führen entlang der Grenzen zwischen Wasser, Land und Himmel. Ein hell wirkendes, großes Querformat fängt den ersten Blick: ungezählte Abtönungen von Erdfarben, Blau, Grün, Gelb und Weiß. Wasser, Pflanzen, Spiegelung. Eingefangenes Universum. Es ist ein Stückchen Land nach einem Regenguss am Amazonas, wie die Malerin verrät. Schon eine Stunde später sei das Wasser versickert, das Motiv nicht mehr existent gewesen.

Dieser Blick für den Kosmos im Kleinen und das Kleine im Großen ist eine von Claudia Bormanns Stärken. Nicht weniger fasziniert ihre Kunst, Bewegung von Wasser festzuhalten und zu spielen mit Lichtern, Schatten und Spiegelungen. „Wo Tiefen und Oberflächen gleichzeitig erkennbar werden, da wird es für mich interessant“, sagt Bormann. Wenn darin noch ein Stück Himmel reflektiere – wunderbar. Die Realität sehe natürlich anders aus als ihre Bilder, erklärt die Künstlerin den Atelierbesuchern am Beispiel ihres kraftvoll grünen Teichmotivs, das sich aus neun Teilen zusammensetzt. „Die Farbe ist meine Interpretation.“ Auch Schwarz-Weiß und Grautöne gehören im übrigen zu Bormanns Palette, speziell um Strukturen und Bewegungen herauszuarbeiten.

Was Bormann wie mit einer Kamera festhält, sind Momente aus der Natur. Deren Wesen überträgt sie in ihre Formen und Farben. Auf ihren Leinwänden ist viel mehr los, als man zunächst merkt.

Erst aus der Nähe eröffnet sich der künstlerische Mikrokosmos. Darauf muss der Betrachter sich einlassen. Die Perspektive zu verändern und die eigene Wahrnehmung freizulassen, ist seine Aufgabe. Und was er zu sehen glaubt, ist nicht immer das, was die Künstlerin festgehalten hat, wie sich beim Atelierplausch herausstellt.

Die gefragte Malerin nimmt sich Zeit für ihre Besucher, schenkt ihnen initiativ Einblicke und Erkenntnisse, beantwortet jede Frage. Stellt in einer Ecke Aquarelle eines syrischen Künstlerfreundes vor, „der sich gerade in unserer Malerei ausprobiert“. Zeigt in einer ruhigen Minute nebenbei einer Kundin die unterschiedlichen Strukturen von Leinwand, Nessel und Köper als Maluntergründe. Holt mal eben einen zusammengerollten „Riesenoschi“ aus dem Lager nebenan, um ihn zur Besichtigung auszubreiten. Gibt ihrem Vergnügen über die neuen „Puzzles“ Ausdruck: größengleichen Einzelmotiven, die zusammen ein Ganzes ergeben. So lässt sich aus abstrakten Vogelmotiven etwa ein ganzer Schwarm beliebiger Größe zusammenstellen. Bormann legt ein knappes Dutzend bemalte Kleinleinwände auf dem Boden aus – zum Zeigen. „Das ist ein Spiel mit der Wahrnehmung“, sagt sie. Das Auge brauche nur genügend Anhaltspunkte, um das nicht Sichtbare zu ergänzen. Ein Spiel, das sie glänzend beherrscht. (ea)

(Foto: © Bormann)

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