Der Himmel über der Kunst

Der „Auflauf“ in Büchen ist nur kurz und – natürlich – pandemiekonform. Die Gäste lauschen am Schulweg in einem abgesperrten Areal den Eröffnungsreden. Wolfgang Engelmann spricht für die Stiftung Herzogtum Lauenburg, Axel Bourjau für Büchen, Meinhard Füllner für den Kreis und zuletzt Intendant Frank Düwel.

Der „Auflauf“ in Büchen ist nur kurz und – natürlich – pandemiekonform. Die Gäste lauschen am Schulweg in einem abgesperrten Areal den Eröffnungsreden. Wolfgang Engelmann spricht für die Stiftung Herzogtum Lauenburg, Axel Bourjau für Büchen, Meinhard Füllner für den Kreis und zuletzt Intendant Frank Düwel.

„Der KulturSommer am Kanal ist eröffnet“, stellt Düwel nicht ohne Genugtuung fest. Endlich. Nach all den Wochen der Ungewissheit. Die Worte sind der Impuls für die Besucherinnen und Besucher, sich in Bewegung zu setzen. Sie öffnen ihren Fokus. Hier und da bilden sich Pärchen oder auch kleine Gruppen. Man sieht sich. Man kennt sich. Man spricht miteinander. Einige wirken, als hätten sie soeben die lange Zeit des Lockdowns wie einen schlechtsitzenden Wintermantel von sich geworfen.

Was sie brauchen, ist eher eine Sonnenbrille. Der Wettergott meint es gut mit dem KulturSommer-Start. Der Himmel hat blankgezogen. Aber selbst mit zusammengekniffenen Augen kann man nicht genug von diesem Augenblick bekommen. So schön kann die Wirklichkeit sein. Das unfassbare Grün. Die Kunst. Irgendwo dazwischen. An Bäumen. Im Gras. Freunde, Bekannte, die man lange nicht gesehen hat. „Ach – du!“ „Wie lange schon?“ „Weiß nich‘.“ „Wie geht´s?“

Es ist das eigentliche Kunstwerk des Tages: Die Menschen zusammengebracht zu haben. Gerne würde man jetzt von oben darauf schauen, auf diese Choreografie des – gelenkten – Zufalls. In Echtzeit. Verfolgen wie die vielen Köpfe stetig an einem sich wandelnden Muster arbeiten. Jedenfalls eröffnet der Himmel über der Kunst den Blick auf sieben Stationen. Eine kleine Karte, die ausliegt, hilft den Besucherinnen und Besuchern bei der Orientierung. Das Motto des KulturSommer-Starts – „Im Perspektivwechsel – Büchen erFahren“ – erweist sich als eingetretene Prophezeiung.   

Alle sind auf dem Weg. Irgendwie. Jeder und jede für sich in seinem bzw. ihrem Tempo. Man sieht Leute, die schlicht nicht vom Fleck kommen, weil sie sich so lange nicht gesehen haben. Man sieht Menschen, die auf Bäume starren, und Bäume, die auf Menschen starren. Auf der Obstwiese stolpert man mitten im Gras über kunstvoll angeordnete Steine. Auf dem Spielplatz an der Pötrauer Straße prallen Bilderbuchwetter und Laissez-Faire-Stimmung auf die harte Wirklichkeit. Auf mehreren Bildschirmen läuft der Film „Corona bewegt“, den die zehnten Klassen der Friedegart-Belusa-Gemeinschaftsschule gedreht haben. Er zeigt ein Spiel mit Masken. Nein. Die Pandemie ist noch nicht vorbei. Gibt es ein Happy End?

Diese Frage müsste man vielleicht mal Anja Franksen stellen. Am Stichkanal, einige hundert Meter Luftlinie vom Schulweg und der Pötrauer Straße entfernt, hat die Künstlerin Leitern in die Landschaft gestellt. Die Sprossen führen in den Himmel. Zumindest in dessen Richtung. Atheisten würden sagen: ins Nichts. Ob Franksen da mitginge?

Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Aber es könnten an diesem Nachmittag hunderte Leitern ins Nichts sein. Sie wären wohl kaum dazu in der Lage, die Besucherinnen und Besucher zu verstören. Zu blau ist der Himmel an diesem 5. Juni. Zu schön und zu entspannt sind die Begegnungen nach der langen Kultur- und Kontaktsperre. Im Schatten der Leitern sieht man Gäste miteinander plaudern.

Manchmal sind die Welt und der Himmel eins. Ein Ort, den man achselzuckend zur Kenntnis nimmt, weil man im Verhältnis zur Ewigkeit die Furcht vor der Ungewissheit für einen Wimpernschlag der Zeit vergessen hat.

Fotos: Antje Berodt (2), Stiftung Herzogtum Lauenburg