„Ich ging im Walde/ So für mich hin,/ Und nichts zu suchen,/ War mein Sinn“ – der KulturSommer am Kanal hat in diesem Jahr so ein bisschen was von dieser Volksweise Goethes. Nichts Genaues weiß man nicht. Kann man ja auch nicht wissen, weil Regeln in diesen Tagen kommen und gehen. Sicher ist nur, dass es Menschenaufläufe zu (ver-)meiden gilt.

So gab es am Wochenende eine Eröffnung in Büchen, die gar keine Eröffnung war. Irgendwann tauchten Intendant Frank Düwel und Künstlerin Hanne Lenze-Lauch auf. Quasi aus dem Nichts. Und das Publikum, das so vor sich hin ging und nichts suchte, stellte plötzlich fest: Mensch, wir sind ja auf dem KulturSommer am Kanal!

Sie entdeckten vor Ort Hanne Lenze-Lauchs gelungene Kanu-Wander-Installation „Kan U See the Sky“ und ihr Werk „Möglichkeit zur Katze“. Und weil er nun mal da war, hielt Frank Düwel eine Eröffnungsrede für das Publikum. Wohl zufällig war auch Büchens Bürgervorsteher Axel Bourjau anwesend, weshalb sich der Intendant bei ihm und seiner Stadt für die gute Zusammenarbeit bedankte. Schließlich hatte man im Frühjahr die offizielle Eröffnung des KulturSommers am Kanal 2020 schon durchgeplant. Also alles für die Katz‘? Nein. 2021 finde die Eröffnung des Festivals auf jeden Fall in Büchen statt, versicherte Düwel Bourjau und den anwesenden… Gästen.

Der Regen hat sich am Sonntag endlich verzogen. Ein Segen. Gelegentlich kommt sogar die Sonne raus. Vielleicht erklärt dies ein Stück weit das kleine Wunder, das sich an den verschiedensten Orten des Kreises zeigt. Die Leute sind unterwegs. Sie erforschen die Wegesränder. Es ist, als hätten sie darauf gewartet: Endlich wieder raus in die Landschaft. Endlich wieder KulturSommer am Kanal!

2020 bedeutet das auch, Teil eines Experimentes und Abenteuers zu sein. Man muss die Augen und Ohren offenhalten. Man muss aufpassen, dass man Fingerzeige und Hinweise nicht übersieht und womöglich falsch abbiegt. Doch selbst wenn – jeder Weg lohnt sich. Wiesen und Wälder wären für sich schon eine Schau. Die Kunst kann den Moment warten. Objekte kennen keine Ungeduld.

In Fredeburg geht es über die Bahngleise einen Feldweg entlang. Die Künstler haben ihn die „Allee der Kachelofen-Bäume“ getauft. Den Weg säumen Keramiken von Heidrun und Hans Kuretzky, die zum Teil mit kalligraphischen Arbeiten versehen sind.

Die Kunst am Wegesrand wird hier wie in Borstorf zu einer Begegnung der KuSo-Spaziergänger. Es wird freundlich gegrüßt. Auf Abstand versteht sich. Und wer noch auf der Suche ist, dem wird geholfen. Da hinten geht es längs. In Borstorfer Burgstraße ist der Auflauf noch größer. Mehrere Kunstinteressierte sind mit dem Auto gekommen, um sich die „Kapital Ver Dichtung“ anzusehen. Ein Pfad der Ästhetik und Weisheit, der sich über hunderte Meter hinzieht. Ebenfalls vom Ehepaar Kuretzky gestaltet.

In Büchen stellt Hanne Lenze-Lauch ihre Kanu-Installation vor. Schon morgens um 11 Uhr sind KulturSommer-Besucher vor Ort, um sich das Kunstwerk anzusehen. Intendant Frank Düwel und die Künstlerin reiben sich die Augen. Es gibt keine offizielle Eröffnung und dennoch sind die Leute da.

Stille herrscht dagegen in der Ratzeburger Stadtkirche St. Petri. Eine junge Mutter sieht sich mit ihren beiden Kindern Anja Caroline Franksens Installation „Animae“ an. Ein Meer aus weißen Textilien inklusive Kleiderbügel und Engelsflügel hängen von der Decke. Auf dem Boden ist Stacheldraht ausgebreitet. Weiß. Wie die Textilien.

„Was verbindet Europa? Was hält es zusammen?“ steht unter anderem auf einer von der Künstlerin angebrachten Info-Tafel. Franksens Thema ist das politische Europa. Sie forscht nach der Seelenlage des Alten Kontinents. Wartet sie darauf, dass er Farbe bekennt? Oder sieht sie in all seinen Widersprüchen auch Reinheit oder gar Unschuld?

Die Aufmerksamkeit der Kinder hat das Kunstwerk inzwischen verloren. Während die Mutter nachdenklich auf die Installation blickt, turnen sie zwischen den Bänken herum. Auch das ist Kunst am Wegesrand: Es hält nicht nur das Publikum auf Abstand, es stellt auch frei, ob man über ein Exponat nachdenken möchte oder nicht.

Hans Kuretzky kurbelt die Scheibe runter. „Ich bin gleich wieder da“, kündigt er an. „Dann können wir sprechen.“ 20 Minuten wird es dauern, bis er wieder auftaucht. Zeit, um die Burgstraße entlang zu schlendern. Sie hat sich zum Auftakt des KulturSommers am Kanals in eine Straße der Kunst verwandelt. Über mehrere hundert Meter reiht sich Objekt an Objekt. Wochenlang haben Hans Kuretzky und Ehefrau Heidrun daran gearbeitet. Ursprünglich hätte die Ausstellung später im Jahr stattfinden sollen. In Lauenburg. Dann kam Covid-19, die Absage und die Anfrage vom KulturSommer: Interesse bei „Kunst am Wegesrand“ dabei zu sein?

Die Kuretzkys haben „ja“ gesagt und sich gehörig ins Zeug gelegt. Die Kalligrafin und der Bildende Künstler. Wer der Burgstraße folgt, begegnet nun am Wegesrand dem „Kapital Ver Dichtung“. Protagonisten dieser Installation sind Karl Marx und Heinrich Heine. Gleich an mehreren Stellen nutzt Heidrun Kuretzky ihre Kunst, um Weisheiten der beiden herauszustellen.

„Die Natur“, zitiert sie beispielsweise Karl Marx, „ist sein (des Menschen) Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben muss, um nicht zu sterben.“ Oder: „Das Geld ist nicht eine Sache, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis.“ Marx, der Mann mit dem tiefenanalytischen Weitblick. Mit ihm liegt das 19. Jahrhundert stets an der nächsten Straßenecke und damit immer nur einen Steinwurf von Gegenwart und Zukunft entfernt.

Bei Heine wiederum trifft Wortmächtigkeit auf Menschenkenntnis. „Anfangs/ Wollt ich/ Fast verzagen/ Und ich glaubt/ Ich trug/ Es nie/ Und ich/ Hab es/ Doch/ Getragen/ Aber fragt/ Mich nur/ Nicht/ Wie“ zitiert Heidrun Kuretzky den Dichter. Wie Marx scheint auch Heine – ebenfalls ein Sohn des 19. Jahrhunderts – stets ganz nahe zu sein.

Hans Kuretzky porträtiert Marx am Wegesrand. Er sieht ihn zwischen Zahnrad und Indianerfedern. Der Philosoph weiß noch von Rothäuten, die in Amerika vergeblich um Kultur und Grund und Boden ringen. Opfer des aufstrebenden Kapitalismus, der Stück um Stück selbst in die entlegensten Winkel der Welt vordringt. Marx ist Zeuge und Analyst des ersten große Schubs der Globalisierung, die vor wenigen Monaten eine Vollbremsung hingelegt hat.

Hans Kuretzky hat Draht und Werkzeug dabei. Eine mit einem Spruch Ernst Jandls versehene Zeichnung muss noch an einer der Stelen befestigt werden, die linksseitig der Borstorfer Burgstraße aufgestellt sind.

Dass die Kuretzkys den berühmtesten deutschen Philosophen und den großen Dichter Heine für ihre Arbeit aufrufen, ist natürlich kein Zufall. Er sei davon überzeugt, dass der Mensch aus der Geschichte lernen könne, sagt Hans Kuretzky, während er die Zeichnung mit dem Jandl-Spruch befestigt. Natürlich. Der Borstorfer Künstler erinnert an eine Cholera-Epidemie, die 1832 in Paris ausgebrochen sei. Schon damals hätte es eine starke Verbreitung von Fake-News gegeben. Fake-News – Falschmeldungen: ein paar Stelen weiter findet sich dazu folgendes Bonmot Heines: „Ich weiß nicht, ob andere Leute sich dafür bezahlen lassen, dass sie lügen. Ich habe immer gratis die Wahrheit gesagt.“

Doch die Vergangenheit ist nur ein Aspekt für Hans und Heidrun Kuretzky, um sich in der Gegenwart zu orientieren und Zukunft zu gestalten. Ein weiterer sind neue Ideen. „Ich bin dafür, dass Geldausgeben belohnt werden sollte“, fordert er. Derzeit liege auf den Sparbüchern der Deutschen Kapital im Wert eines Bundeshaushaltes, betont er. „Eine andere Möglichkeit wäre, dass Grundstückspreise nicht mehr steigen“, so der Künstler. Diese Idee stamme nicht von ihm, fügt er hinzu, sondern von einem Wirtschaftsinstitut in Geesthacht

Die Kunst am Wegesrand – bei den Kuretzkys wird sie zum Zentrum essentieller Ideen.

Alles muss raus hieß es Ende vergangener Woche für die Mitarbeiter der Stiftung Herzogtum Lauenburg. Mit dem Pkw waren sie an zig Orten im Kreis unterwegs, um die Plakate für den KulturSommer am Kanal anzubringen und den neuen Flyer „In den Wolken“ zu verteilen. In diesem finden Interessierte die Wichtigsten Infos rund um das Festival.

Unter anderem erfahren die Leserinnen und Leser, an welchen Orten es in der Region Kunst am Wegesrand zu entdecken gibt. Außerdem werden die Soundwalks für experimentelle Klangspaziergänge vorgestellt und auf welche Musiker sich das Publikum 2020 freuen darf.

Überdies weist der Flyer noch mal ausdrücklich darauf hin, dass Kultursommer-am-Kanal.de in diesem Jahr zur digitalen Bühne wird. Also: Alle reinklicken da!

Kein Kanu-Wander-Theater, kein „Was ihr wollt“, kein Shakespeare – zumindest nicht im KulturSommer am Kanal 2020. Die Enttäuschung darüber hat Hanne Lenze-Lauch längst von sich geschoben. Sie hat schlicht keine Zeit, um zu trauern. Die Arbeit ruft. Also hat sie den Werktisch freigeräumt und von vorne angefangen. Statt in Neo-Barock-Kostüme macht die Bühnen- und Kostümbildnerin jetzt in Wolken und in Kunst.

Nach der Covid-19-Vollbremsung hatte Intendant Frank Düwel sie angerufen und klargemacht: Hanne, wir brauchen dich! Der KulturSommer am Kanal wird laufen – trotzdem. Anders. Vor allem digital. Mal schauen, was sonst noch geht. Das Motto ist luftig, doppeldeutig: „In den Wolken“ lässt sich in der Not auf Einsen und Nullen reduzieren, auf Streams, Videos und Podcasts. Es lässt aber auch Raum für mehr. Kein Himmel ohne Landschaft und die Landschaft ist die Kulisse des KulturSommers.

Also hat Hanne angefangen: Zu nähen, zu sägen und zu malern. Das Ergebnis – so viel steht schon mal fest – wird es zur Berühmtheit bringen: Die bauschigen Wolken sind eine wandelnde Kulisse, die sofort ins Auge fällt. Sie passen ins Studio und in die Landschaft. Und sie sind ein Signal: Hier ist der KulturSommer!

Rund zwei Wochen habe sie für die Materialbeschaffung und die Fertigung der Kissen und Holzaufsteller gebraucht, sagt Hanne Lenze-Lauch. „Netto waren es drei bis vier Tage“, ergänzt sie und hat dabei immer auch einen Blick auf ihre kleine Tochter. Wie so viele Frauen muss sie in diesen Tagen beides unter einen Hut bringen – die Betreuung des Nachwuchses und die Arbeit. „Das stresst schon“, sagt sie. Sie müsse nach Zeitfenstern Ausschau halten – gucken, „wann es geht“.

Nach den Wolken hat sich Hanne Lauch nun zwei weiteren KulturSommer am Kanal-Projekten zugewandt. Für die Eröffnung arbeitet sie an einer freien Kunstinstallation. Da sei sie gerade dabei, sagt sie. Dafür habe sie sich bei Ebay kleine und große Figuren gekauft. Ihnen gemein ist, dass es sich um keine perfekten Kunsthandwerke handelt. Hanne Lenze-Lauch will sie nutzen. Sie aufwerten, indem sie die Figuren in ihren eigenen ästhetischen Kontext integriert.

Eine knifflige Aufgabe, aber nicht so knifflig wie die zweite, die ihr Intendant Düwel angetragen hat: Sie soll Kanus zum Fliegen bringen. Es ist der Plan von der Abschaffung der Schwerkraft.

Das Kanu. Beim KulturSommer am Kanal ist es das gängige Mittel zum Zweck, um ein Bühnenspektakel unter freiem Himmel zu ermöglichen. Ohne Kanu kein Kanu-Wander-Theater. So einfach ist das.

Doch was ist in Zeiten des Abstands noch gängig? Die Kanus als Vehikel für den Schauspielfreund sind es jedenfalls nicht. Wie so viele und vieles benötigen sie, um gebraucht zu werden, in diesen Tagen eine andere Rolle. KulturSommer am Kanal-Intendant Frank Düwel hat sie gefunden. „Die Kanus, die die Gäste immer geduldig gefahren haben, hatten zu diesem Zeitpunkt die Sehnsucht, mitzuspielen und Teil der poetischen Geschichte zu sein. Die Kanus verlassen das Wasser.“

Die Boote werden also zu Akteuren – zu Protagonisten. „Sie wandern zu den Menschen“, so Düwel weiter, „sie schweben leicht durch die Orte, die sie besuchen.“ Die Schwerkraft sei bei ihnen aufgehoben, sie seien von Fischen, Vögeln und Wolken umgeben. Es handele sich um „fröhliche Kanus“, die als Installationen und Skulpturen einen poetischen Humor verbreiten sollen.

Wie diese von der Schwerkraft befreiten Kanus aussehen, kann das KulturSommer am Kanal-Publikum zunächst am Sonntag, 7. Juni, in Büchen entdecken. Von dort werden sie dann eine Reise durch den Kreis antreten. Eher schwebend als schwimmend versteht sich. Helden ihres eigenen Schauspiels.

Physikern könnte dieses Phänomen Kopfzerbrechen bereiten. Den Protagonisten des Kanu-Wander-Theaters womöglich auch. Nur haben auch sie in Zeiten des Abstandes eine neue Rolle gefunden. Welche das ist? Nun, verehrtes KulturSommer am Kanal-Publikum: Sie werden es erfahren, Sie werden es erleben.

Der von der Stiftung Herzogtum Lauenburg veranstaltete KulturSommer am Kanal startet unter dem Motto „In den Wolken“. Das Publikum darf sich auf ein umfangreiches Programm freuen, das es als Kunst am Wegesrand zu sehen und entdecken gibt sowie als Großevent im Netz. Dafür wurde Kultursommer-am-Kanal.de einem grundlegenden Relaunch unterzogen.

Auf der Webseite in Erscheinung treten werden unter anderem die Literatin Hannah Rau, die zwei Slam-Videos präsentiert. Märchenerzählerin Anna Malten bringt dem Publikum die Sage von Europa näher. Gwendolin Fähser entführt in Digitalien auf eine literarische Kutschfahrt. Der Opernlieferservice Operando steht zwar nicht in der Tür, singt aber immerhin im heimischen Wohnzimmer. Außerdem im Netz-Programm: das literarische Parkgeflüster vom Nachwuchsliteraten Fabian Navarro. Überdies bietet Sprache Kultur Mobil aus Kiel zwei Tutorials für Kinder an und Künstler aus der Region – beispielsweise der Cellist Peter Köhler – präsentieren Musik zum Herunterladen für sogenannte Soundwalks.

Natürlich wird es auch Musik live und unter freiem Himmel geben. Theoretisch kann dies überall passieren. Intendant Düwel und Managerin Klose haben unter anderem Klassik und Oper im Angebot. Wer zuhören will, muss zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein. Da hilft der Zufall nach oder die KulturSommer-App, auf der solche Events kurzfristig angekündigt werden.

Eine Institution des KulturSommers am Kanal sind die Ateliers. Viele von ihnen öffnen auch 2020 ihre Pforten. Allerdings verlegt ein Großteil der Künstler den Arbeitsbereich in den Garten und in die Natur. Mit dabei sind unter anderem die Buchholzer Künstler, Heidrun und Hans Kuretzky, Ilke Dankert, Anja Franksen, Antje Ladiges-Specht, Marianne Schäfer und viele mehr.

Der KulturSommer am Kanal 2020 beginnt wie ursprünglich geplant am 7. Juni und endet am 6. Juli.