Mit dem „Blauen Montag“ ist der KulturSommer am Kanal 2020 zu Ende gegangen. Intendant Frank Düwel bedankte sich im Stadthauptmannshof bei den Künstlern, Musikern und den vielen ehrenamtlichen und hauptamtlichen Helfern. Trotz Pandemie und damit verbundener Einschränkungen war das Festival im gesamten Kreisgebiet mit diversen Konzerten, Ausstellungen und offenen Gärten vertreten.

Ein Riesenlob für die von Düwel und KulturSommer am Kanal-Mangerin Farina Klose geleistete Arbeit gab es von Klaus Schlie, Präsident der Stiftung Herzogtum Lauenburg. Ihnen sei es gelungen, quasi Tag für Tag einen KulturSommer zu planen, so Schlie, und damit überhaupt das Festival unter den besonderen Umständen zu ermöglichen.

Rund 100 Besucher hatten sich zum „Blauen Montag“ im Stadthauptmannshof versammelt. Sie freuten über ein musikalisches Potpourri. Zu den Live-Acts auf der Open Air-Bühne zählten Nachwuchskünstler von Beat’n’Dance, Liedermacher Kaus Irmscher und Folk-Musiker Lorenz Stellmacher. Darüber hinaus überraschten einige Poetry Slammer das Publikum mit ihrer Wortakrobatik.

Diese Vier haben definitiv einen schlechten Klamottengeschmack. Und einen Vogel haben sie auch. Das ist jetzt nicht nur so dahin gesagt. Ljuban Živanović – er trägt ein schauderhaftes Shirt, auf dem Daisy und Donald Duck zu sehen sind – hat sich gerade mächtig aufgeplustert. Kollegin Freja Sandkamm gibt seltsame Laute von sich, auf die Pauline Gonthier, Ljuban Živanović und Tim Maas mit mindestens genauso seltsamen Lauten antworten. Zusammen klingen sie wie ein Hühnerhaufen.

Spätestens jetzt sind die ersten Spazier- und Strandgänger auf der Schlosswiese in Ratzeburg neugierig geworden. Was geht denn hier gerade ab? Ja, was denn? „Wenn ich ein hübscher kleiner Vogel wär“, intoniert der Tenor Ljuban Živanović. Zwischen Sein und Haben liegt in diesem Fall eine ganze Welt. Wie der Rest des Hühnerhaufens verwandelt er sich nach flatterhaftem Beginn in ein Mitglied des Kanu-Wander-Theater-Gesangensembles. Das Opern-Quartett singt Stücke von Johannes Brahms‘ „Liebesliederwalzer op. 52“-Zyklus.  Es geht darum, wie Leidenschaft den Menschen vogelwild macht.

„Der Vogel ist das Sinnbild oder die Allegorie für die Liebe“, sagt Michelle Affolter. Als diejenige, die diesen Auftritt inszeniert hat, weiß sie, warum ihr Ensemble in aller Öffentlichkeit so verhaltensauffällig daher kommt.  Vor allem Bassbariton Tim Maas ist außer Rand und Band. Zunächst bewirft er Sopranistin Freja Sandkamm mit einem Handschuh und dann packt er den verwaisten Vogelkäfig zu seinen Füßen und schleudert ihn in Richtung Pauline Gonthier. Die Mezzo-Sopranistin kann zum Glück nicht nur singen, sondern ist auch fangtechnisch auf der Höhe. Der Käfig landet sicher in ihren Armen. Das Problem: Der Metallkasten löst bei ihr große Verwirrung aus. Sie duckt sich, wirft die rechte Hand zum Schutz aus und sucht mit flackerndem Blick ihre Umgebung ab.

Tja, die Liebe. „Wir haben versucht unterschiedliche Bilder zu bauen“, sagt Regisseurin Affolter. Der Bogen reiche von der Leichtigkeit, die man habe, wenn man verliebt sei, bis dahin, dass die Liebe ein dunkler Schacht sein könne – wie Brahms es formuliert habe.

Der Aggregatzustand dahinter ist der Wahnsinn, der Menschen in flatterhafte Wesen verwandelt. Für das Publikum auf der Schlosswiese entpuppt er sich als Genuss.

Antje Ladiges-Specht hat den Weg der Besinnung eingeschlagen. Als Zen-Buddhistin hat sie damit schon vor Jahren begonnen. Damit ist sie wahrscheinlich vielen Besuchern weit voraus, die sich an diesem Abend bei ihr in Klein Zecher versammelt haben. Das Publikum wartet im Garten und in der Alten Schule auf Peter Köhlers (E-Cello & Gitarre) und Benjamin Lütkes (Percussion) Auftritt. Das Duo will den Bilderzyklus, den Antje Ladiges-Specht im Rahmen des KulturSommers am Kanal vorgestellt hat, musikalisch reflektieren. Der Titel: „Weg der Besinnung“.  

Die beiden Musiker machen es sich zwischen ihrem gewaltigen Equipment bequem. Benjamin Lütke checkt noch mal die Technik. Peter Köhler greift zum E-Cello. Links von ihm hockt Gianluca Ravior, der für die Internet-Übertragung des Konzertes zuständig ist.

Die musikalischen Spiegelungen beginnen mit dem Bild „Vertraut werden mit sich selbst“. Ein goldener Kreis, in dem ein Schatten hereinreicht. Die Selbsterkenntnis, dass das eigene Ich nicht nur Gold ist, das glänzt. Benjamin Lütke macht sie tastend hör- und spürbar. Er kratzt, klopft und schabt über eine weiße Fläche. Die daraus entstehenden Geräusche werden über einen Verstärker in den Raum übertragen. Peter Köhler entlockt seinem E-Cello sphärische Klänge. Langgezogene Töne stoßen das Tor auf in größere Dimensionen.

Es ist eine wunderbare Vorlage, um den Bewusstseinsstrom zu verlangsamen und ihn am Ende womöglich preisgeben zu können. Die Musik als meditative Gehhilfe. Der Raum der Alten Schule, die Bilder und das Licht tun ihr Übriges. Wenn das Vertrautwerden mit sich selbst gelingen kann, dann auf jeden Fall hier und jetzt an diesem Ort.

Die Musiker zumindest sind ganz bei sich. Benjamin Lütke arbeitet bisweilen mit dem ganzen Körper. Das große Equipment, das Peter Köhler und er mitgebracht haben, will gebraucht werden. „Die Annäherung“ – Motiv Nummer 2 – startet mit einigen Disharmonien. Das Bild zeigt ein paar dünne goldene Streifen, umgeben von schwarzer Fläche.

Kein Grund dunkle Gedanken zu entwickeln: Als das Stück endet, brandet zum zweiten Mal Beifall auf. Das Duo ist jetzt richtig in Fahrt. Sie streben auf den „Lebensweg“ zu: Geburt, Jugend – die Entwicklung unseres Seins. Goldene und dunkle Streifen lassen den musikalischen (Im-)-Puls steigen. Dramen spielen sich ab. Peter Köhlers Gitarre klingt angekratzt. Wie ein harter Gegenstand, der über den Asphalt gezogen wird. Die Percussion-Trommel fügt schabende Töne hinzu. Wer sind wir? Wo stehen wir? Wo wollen wir hin? Aus den wilden Geräuschen wird ein tropfender Rhythmus. Die Musiker steuern über „Die Besinnung“ – Bild Nr. 4 – auf das Finale „Auf der großen Erde gehen“ zu.

Das Duo hat sich der Herausforderung der Künstlerin erfolgreich gestellt. Das Publikum klatscht Beifall. Der erste Schritt auf dem „Weg zur Besinnung“ ist gemacht.

In der letzten Woche des KulturSommers am Kanal lädt das Künstlerhaus Lauenburg Bürger der Stadt Workshop ein. Die Bewohner können sich an der Erschaffung einer Klangskulptur beteiligen. Das Kunstwerk soll Fragen wie „Wie klingt unsere Stadt?“ und „Wo ist eigentlich die Mitte Lauenburgs“ in den Fokus nehmen. Die Klangskulptur, die zeitlich befristet auf der Baubrache an der Berliner Straße installiert werden soll, wird am Sonntag, 5. Juli, um 15 Uhr offiziell im Rahmen des KulturSommers präsentiert.

Das Künstlerhaus möchte mit den Bürgern gemeinschaftlich die Klänge, Geräuschwelten und Resonanzen der Stadt erforschen, um daraus verschiedenartige Formen für eine schwingende Architektur zu entwickeln. Die Workshop-Woche wird in Kooperation mit dem Klangkünstler Fritjof Mangerich durchgeführt, der derzeit Stipendiat am Künstlerhaus ist. An der Umsetzung beteiligen sich zudem Benjamin Stumpf und das Hamburger Künstlerkollektiv Baltic Raw. 

Parallel zum Workshop installiert Baltic Raw auf der Brachfläche eine Nutzpflanzen-Karte mit Begleittexten zum Thema „Essbare Stadt“. Das Künstlerkollektiv greift damit eine Anregung der Bevölkerung auf und lädt ein zum weiteren Austausch mit den Bürgern Lauenburgs.
Der Workshop startet am Dienstag, 30. Juni, um 11 Uhr. Treffpunkt ist das Künstlerhaus Lauenburg. Teilnehmen können maximal 15 Personen. Anmeldungen unter stumpf@kuenstlerhaus-lauenburg.de.

Workshop, 30. Juni bis 5. Juli, Künstlerhaus, Elbstraße 54 (& Berliner Straße), Lauenburg, täglich 11 bis 16 Uhr

Präsentation Klangskulptur, 5. Juli, Brachfläche, Berliner Straße, Lauenburg, 15 Uhr  

Ein experimentelles Musikerlebnis

Statt wie geplant mit seinem Fahrrad und der Oper im Rucksack kommt Felix Stachelhaus in diesem Jahr Online per Video-Chat zu Ihnen nach Hause und das kostenlos!

Am Sonntag, dem 28.06. können Sie sich nach Voranmeldung per Mail unter kultursommer@norden-theater.de oder unter 0157 85317128 ein 30-minütiges Zeitfenster reservieren. Bitte geben Sie auch Ihre Telefonnummer und die gewünschte Startzeit mit an.

Zwischen 13:00 und 19:00 Uhr sind im halbstündlichen Takt Reservierungen möglich.

Freie Zeitfenster:

13:00 – 13:30

13:30 – 14:00 BELEGT

14:00 – 14:30

14:30 – 15:00

15:30 – 16:00

16:30 – 17:00 BELEGT

17:30 – 18:00

18:30 – 19:00 BELEGT


NACH EINEM JAHR

Komposition und Text: Felix Stachelhaus

Ich ging den Trampelpfad entlang auf das Haus zu. Die Gräser schaukelten im Wind, der vom Meer her wehte. Die Eiben rauschten. Alles wirkte auf mich genauso wie ein Jahr zuvor, und für einen Moment glaubte ich, wieder dort zu sein. Ein seltsames Gefühl, als würde ich mich selbst beobachten.

Ein Ort, der Erinnerungen an etwas weckt, das nicht mehr ist. Etwas, das nie wieder sein wird. Im Laufe eines Jahres hat er sich nur minimal verändert, die verstrichene Zeit lässt sich nur an Kleinigkeiten festmachen. Doch wie lang braucht es, bis Wind und Wetter diesen Ort so sehr verändert haben, dass wir ihn nicht mehr wiedererkennen? Was bleibt von unserer Erinnerung, wenn sie keinen Ort mehr hat? Und braucht Trauer einen äußeren Ort, oder genügt ihr ein Ort in uns?

Nach einem Jahr ist eine multimediale Meditation über Vergänglichkeit, Trauer und den Umgang mit Verlust.

Dauer: 14 Minuten 

Deutsche Texte


ABLAUF

Damit Sie die unsere Lieferung in Empfang nehmen können, brauchen Sie nur ein Gerät mit Internetanschluss. Kurz vor Ihrer persönlichen Vorstellung erhalten Sie eine Email mit dem Link zum OPERANDO-Meeting. Für dieses sollten Sie am besten den „Zoom Client for Meetings“ installieren (https://zoom.us/download#client_4meeting), ansonsten können Sie aber auch einfach direkt in den Browsern Chrome oder Firefox zu uns kommen (Safari funktioniert leider nicht). Außerdem möchten wir Ihnen sehr ans Herz legen, ein Gerät mit einem recht großen Bildschirm zu verwenden und den Audioausgang an eine gute Stereoanlage anzuschließen oder Kopfhörer zu verwenden – nach unserem Gespräch bekommen Sie schließlich eine Oper zu sehen und zu hören! 

Die Bühne ist ein kleiner Flecken. Ein blauer Tupfen auf dem Menzer-Werft-Platz, unter dem in diesem Moment Bögen und Finger fliegen. Evelyne Saad, Lucy Finckh, Christian Jonkisch und Sigrid Strehler spielen unter einem Zeltpavillon. Umgeben von dem großen Areal und ein paar Spaziergängern, die zum Flanieren an die Elbe gekommen sind.

Dem Streichquartett des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck ist das gerade mal so was von egal. Der Auftritt in Geesthacht ist für das Ensemble offensichtlich ein Akt der Befreiung. Live musizieren. Einfach so. Draußen. Darauf haben sie seit März warten müssen. „Es ist ein sehr angenehmes Spielgefühl hier“, meint Christian Jonkisch. „Mitten in der Natur.“ Und wenn jemand kein Interesse an der Musik hat und einfach vorbeigeht? Stört das? „Wir sehen das natürlich“, sagt Evelyne Saad. „Aber das ist nicht unangenehm.“

Mit „Kurmusik aus den Wolken“ ist das Ensemble im Programm des KulturSommers am Kanal angekündigt. Der Titel könnte passender kaum sein. Leichtigkeit prägt das Spiel des Quartetts. Die Melodien gehen wie selbstverständlich vom Notenblatt auf die Musiker über. Man kennt sich. Man ist vergnügt miteinander, reicht die Tonfolgen Dvořáks, Mozarts & Co. beschwingt weiter. Manch einen der Flanierer verwandeln sie damit – wenn schon nicht zum Kurgast – zum Konzertbesucher.

Es gibt Beifall zwischen den Stücken und persönlich geäußerte Anerkennung. Während das Quartett an den Noten nestelt und aufpassen muss, dass die Zettel nicht von der stetigen Brise, die über den Platz geht, fortgeweht werden, nähern sich Zuhörer dem Zeltpavillon, um „danke“ zu sagen. Der Dank kommt postwendend zurück. Verbal und mit weiterer Musik. Das Quartett verständigt sich, ein Stück von Astor Piazzolla zu spielen. So selbstverständlich das Spiel, so offen die Auswahl. Der Auftritt in Geesthacht ist keiner von der Stange.

Als es für den KulturSommer am Kanal in die Wolken ging, war der Verein „KunstWerk Mölln und Umgebung“ längst auf dem Weg nach Europa. „Die Vorbereitungen waren schon so weit fortgeschritten“, sagt Almuth Grätsch, „dass für uns, umzukehren, nicht mehr in Frage kam.“ Dementsprechend setzt sich eine ganze Reihe von Bildern und Skulpturen im Ausstellungsraum des Robert-Koch-Parks mit dem Kontinent auseinander. Die Ausstellung „Europa im Blick?“ ist damit quasi ein Relikt: Sie erinnert an die Zeit vor der Pandemie, als der Kulturbetrieb weitgehend unbeschwert vor sich hin schnurrte und der KulturSommer am Kanal zig Veranstaltungen unter dem Motto „Europa – Bilder und Klänge“ plante.

Für Wilfried Ohldag, Bruno Kluß und Jürgen Knischewski bekommt es der Kontinent mit einem wildgewordenen Stier zu tun. Ihre gewaltige Holzfigur in Blau, versehen mit goldenen Sternchen, ist ein Blickfang für die Besucher. Für das Künstler-Trio hat der Kontinent die Nerven verloren und läuft jetzt Gefahr auf die Hörner genommen zu werden.

Während der Stier bedrohlich daherkommt, gibt Sabine Stahlkopf den Besuchern, ein Instrument an die Hand, Europa mit Muskelkraft zu entdecken. Im Gang vor dem Ausstellungsraum steht ein mit proeuropäischen Utensilien übersätes Fahrrad. Das bevorzugte Material: Strickwolle. Almuth Grätsch gefällt, was Sabine Stahlkopf macht. Die Künstlerin habe da ihren Stil gefunden, meint sie.

Wie Dinge ganz allgemein ins Rutschen geraten können, zeigen die Bahnhofsrequisiten von Jürgen Knischewski. Am Gleis Eriwan steht bei ihm der Schaffner mit einer Signalkelle, die sich pandemiebedingt in ein Geduldspiel mit Ball verwandelt hat.

Stück für Stück schreitet Almuth Grätsch die Werke ab. Wartet immer mal wieder mit spannenden Infos auf – wie bei den Exponaten, die auf der Eingangsseite des Ausstellungssaals zu bewundern sind. „Für diese Bilder hatten die Maler nur zwei Stunden Zeit“, erinnert sie sich.

Den Besucherinnen und Besuchern von „Europa im Blick“ gewähren die Organisatoren glücklicherweise mehr Stunden. Die Ausstellung ist am 23., 24., 25., und 30. Juni zwischen 9 und 16 Uhr sowie am 28. Juni von 15 bis 17 Uhr geöffnet. Darüber hinaus ist die Schau am 1. und 2. Juli von 9 bis 16 Uhr zugänglich.

Zu einem Mittsommerfest mit schwedischer Musik lädt am Sonntag, 21. Juni, der KulturSommer am Kanal auf die Wiese neben dem A. Paul Weber-Museum (Ratzeburg) ein. Für die passende Musik sorgen Günter Klose und Freunde.

Aufgrund der kurzfristigen Planung bitten wir Sie, die rund 200 Meter vom Veranstaltungsort entfernten öffentlichen Toiletten zu nutzen. Außerdem sind Getränke selbst mitzubringen. Wegen der Covid-19-Pandemie ist der Zutritt zur Wiese auf 50 Personen beschränkt.

Wir bitten Sie außerdem, die Abstandsregelungen einzuhalten, nicht zu Tanzen und beim Hin- und Rückweg zu Ihrem Platz einen Mund- und Nasenschutz zu tragen.

Der Stadt aufs Dach gestiegen sind am vergangenen Wochenende die Sängerinnen und Sänger des Kanu-Wander-Theaters. Vom Rathaus Schwarzenbek herab entfachten Sopranistin Freja Sandkamm, Mezzosopranistin Pauline Gonthier, Tenor Ljuban Zivanovic und Bassbariton Tim Maas „Dieser Liebe schöne Glut“.

Einige der überraschten Passanten stutzten und staunten, als das Ensemble mehrere Stücke aus einem „Liebesliederwalzer op 52.“-Zyklus von Johannes Brahms intonierte. An einem am Ritter-Wulf-Platz gelegenen Würstchenstand nahm man dagegen zunächst keine Notiz von dem Überraschungskonzert. Dies änderte sich erst, als das Ensemble die Texte szenisch untermauerte. „Sobald die choreografischen Elemente kamen, haben die Leute die Figuren nachgeäfft,“ rekapituliert Michelle Affolter den Auftritt.

Die Regisseurin des Kanu-Wander-Theaters hat das Programm „Dieser Liebe schöne Glut“ inszeniert und damit Neuland betreten: ein Gastspiel im öffentlichen Raum vor einem beiläufigen Publikum. Bei der Premiere auf dem Ritter-Wulf-Platz in Schwarzenbek bedeutete dies, dass es zwischen Bude und Balkon um die Wurst ging – bei einem eindeutigen Punktsieg für die Profis des klassischen Gesangs. Ein weiterer Auftritt und damit womöglich ein Duell um die Gunst der Öffentlichkeit ist am Sonnabend, 27. Juni, in Geesthacht geplant.

Eine Prise Humor gehört bei Stefan Kruse zumeist dazu. Auch an Deutlichkeit lässt er es selten fehlen. Das Schaf, das er mit wenigen Federstrichen gezeichnet hat und das jetzt kurz davor ist, einem Kite-Surfer als Segel zu dienen, ist ein Beispiel dafür.

Sicher lässt sich auch in diesem Fall fragen, was der Künstler dem Betrachter damit sagen will. Doch unstrittig ist, dass die „Dinge“, die er zeichnet, eine klare Zuschreibung ermöglichen. Der Mensch ist ein Mensch, das Schaf ist ein Schaf und die Katze eine Katze. Dass die Dinge sehr häufig der gewohnten räumlichen Darstellung nicht entsprechen – Stefan Kruse mit Flächen arbeitet, die so wirken, als sei ihm der Blick für die Relation verlustig gegangen – steht auf einem anderen Blatt Papier.

Die Art und Weise, wie er Gesichter malt, habe ihren Ursprung in der Romanik und in der Gotik, sagt er. Vorbild sei beispielsweise der Maler Giotto – ein Künstler, der im Spätmittelalter wirkte. Giotto stellte in seinen Arbeiten biblische Figuren und Themen dar. Stefan Kruse nutzt die Technik, um zuzuspitzen. Skurriles wird dadurch noch skurriler und eröffnet Raum für Humor.

Doch wer aufmerksam durch das Atelier des Künstlers in Krummesse wandert, merkt schnell, dass es Stefan Kruse nicht allein darum geht, Menschen bloß zu stellen oder zu diffamieren. Er legt den Finger in die Wunde und hofft auf Besserung. Gerne lässt er sich auch zu positiven Bildern inspirieren. So hat er die italienischen Balkonkonzerte während der strengen Covid-19-Quarantäne in einigen Zeichnungen verewigt. Sie zeigen singende und musizierende Menschen in einem Meer an Häusern.

Das Verhalten der Menschen im Süden Europas – auch in Spanien – hat ihn tief beeindruckt. Dort sei es lange um die nackte Existenz gegangen. „Hier haben sich die Leute Gedanken gemacht, ob sie in den Urlaub gehen können.“

Stefan Kruse, der von Beruf eigentlich Kommunikationsdesigner ist, hat sich über Jahre mit seiner Kunst einen Namen gemacht. Unter anderem wurde er 1993 von der Internationalen Biennale für Satire und Humor ausgezeichnet. Wohl auch deshalb freut er sich im Rahmen des KulturSommers am Kanal über einen großen Publikumszuspruch. „Heute waren schon 16 Leute da“, sagt er. Er rechne an vier Wochenenden mit 100 bis 120 Besuchern. Kein Kunststück bei dieser Kunst. Und dann gibt es sogar noch einen Kaffee oben drauf.

Gegen halbzwei sind die Holzköpfe der Sonne ausgesetzt. Der Dunst hat sich verzogen. Auch die seltsamen Metallwesen an der Pferdekoppel liegen jetzt im hellen Licht. Hans-Joachim Ruge, Sybille Horn, Reinhard Sauer und Hans Fuhrke haben es sich vor der Werkstatt auf einem Stuhl bequem gemacht. Ein Vorzelt schützt sie vor Sonne. Sie warten – warten auf die nächsten KulturSommer-Gäste.

Das Quartett hat sich bei einem Kunst-Kurs kennen gelernt. Bei Jan de Weryha-Wysoczański, einem polnischen Bildhauer. Der Mann hat sie nicht nur tief beeindruckt, er ist auch dafür verantwortlich, dass nun all diese Skulpturen auf Gut Wotersen zu besichtigen sind. „Jan de Weryha-Wysoczański hat uns alle vorangebracht“, sagt Reinhard Sauer.

Aus seinen Händen stammen die seltsamen Metallwesen. „Ich bin Eisenplastiker“, erklärt er sein Metier. „Das heißt, ich baue Artefakte auf.“ Sein Material finde er auf Schrottplätzen. Vieles, was er verwende, stamme von ausgedienten Landmaschinen. Daraus schweißt er Tiere. Kleine und große. Reinhard Sauer zeigt auf einen Skorpion. „Die Beine hier“, erklärt er, „sind aus einer alten Werkzange.“

Ganz anders arbeitet Hans Fuhrke. Er verwendet alles, was groß und schwer ist. Einen riesigen Baumstamm hat er in eine stämmige Frau im roten Kleid verwandelt. Die Dame steht jetzt vor der Werkstatt. „Klein kann ich nicht“, meint er achselzuckend. Die Bildhauerei sei für ihn „optimale Entspannung“. Angefangen habe er sie als „Therapie“. Zunächst habe er gedacht – „ich kann das nicht“ –, aber dann habe er schnell gemerkt, ein bisschen gehe es doch.

Schönheiten sind Hans Fuhrkes Figuren nicht. Er sehe sie aber „positiv“, sagt der Schöpfer. „Sie sind nicht gefällig“, ergänzt Sybille Horn. Auch ihr Herz schlägt für die Bildhauerei. Sybille Horn ist Buddhistin. Sie sagt, sie sei bei ihren Arbeiten immer auf der Suche nach der Befreiung. Dabei sei sie an keine Form gebunden. Auch sei es ihr „wurscht“, ob sie in Holz oder Beton mache.

Kollege Hans-Joachim Ruge stellt klar, dass er mit allem arbeite, was er in die Finger bekomme. Sein Ziel sei „eine Form, die absolut ist. Ich weiß natürlich, dass man das sowieso nicht hinkriegt“, räumt er ein. Aber der Traum bleibt: ein Werk zu schaffen, dass sich jemand anguckt und sagt – „das ist es!“.

Unabhängig davon haben sie in der Bildhauerwerkstatt Wotersen die Kunst zum Lebensmodell erhoben. „Wir arbeiten hier, seit wir Rentner sind, zusammen“, sagt Reinhard Sauer. Das heißt nicht, dass sie sich ständig auf die Pelle rücken. „Bei der Kunst gehen wir schon unseren Weg“, betont Reinhard Sauer. „Aber wir beraten uns gegenseitig.“

Einen Eindruck von den laufenden KulturSommer am Kanal-Produktionen verschafften sich am Donnerstag (11. Juni) Journalisten und Sponsoren. Die Stiftung Herzogtum Lauenburg und die Stadt Schwarzenbek hatten zu einer Besichtigung des Aufnahmestudios im Jugendzentrum der Stadt Schwarzenbek geladen. Dort geben sich in diesen Tagen Musiker, Literaten und Künstler aus der Region die Klinke in die Hand, um Videos für das Festival zu produzieren. Ein Großteil des KulturSommers am Kanal bekommt das Publikum pandemiebedingt als Netz-Event geboten. 

Stiftungspräsident Klaus Schlie lobte das von Intendant Frank Düwel und Managerin Farina Klose kurzfristig auf den Weg gebrachte Konzept. Die Stiftung sei froh und dankbar, dass es ihnen zusammen mit ihrem Team gelungen sei, „diesen KulturSommer auf die Beine gestellt zu haben“. Dies sei für die Künstler in der Krise besonders wichtig. „Ohne Premiumpartner wäre das alles so nicht möglich“, bedankte er sich zudem bei der Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg, die das Festival seit Jahren als Sponsor unterstützt.

Dr. Stefan Kram, Vorstand der Kreissparkasse Herzogtum Lauenburg, spielte den Ball zurück: Es sei richtig gewesen, den KulturSommer am Kanal in die Wolken zu verlegen. Die Künstler hätten derzeit keine Sicherheit. Deshalb sei es gut, wenn sie immerhin online vertreten seien. „Da sind viele tolle Ideen dabei“, so Kram. „Da bin ich auf die Resonanz gespannt.“

„Für das erste kleine Video haben wir schon 400 Klicks gehabt“, nannte Intendant Düwel gleich eine beeindruckende Zahl. Er betonte, dass Netz-Events auch künftig ein Teil des KulturSommers sein werden – auch um jüngere Menschen für das Festival zu gewinnen.  Gleichwohl stellte er klar: „Wir wissen noch nicht, wo wir nächstes Jahr überall sind, aber wir sind draußen. Das geben wir nicht auf!“

Draußen ist der KulturSommer am Kanal auch 2020. Statt mit den gewohnt großen Produktionen mit der „Kunst am Wegesrand“. „Wir haben eröffnet, ohne zu eröffnen“, erinnerte Düwel an die gelungene Vorstellung der Installation „Kan U see the Sky“ in Büchen. Auch an diesem Wochenende ist das Kunstwerk wieder unterwegs. Zudem sind kreisweit jede Menge Exponate zu bewundern.

Norbert Lütjens, Schwarzenbeks stellvertretender Fachbereichsleiter für Schule, Sport, Kultur und Jugend, erinnerte an die Anfänge seiner vertrauensvollen Zusammenarbeit mit Düwel. Er verwies auf die Erfolgsstory von „Beat’n’Dance“, an der in den vergangenen zehn Jahren 400 Jugendliche beteiligt waren. Mit Blick auf das Aufnahmestudio sehe man ihn hier „mit stolzgeschwellter Brust“.

„Das wichtigste ist, dass wir uns mal wieder über Kultur unterhalten können“, nahm Rüdiger Jekubik, Schwarzenbeks stellvertretender Bürgermeister, das große Ganze in den Blick. Auch wenn Kultur immer Geld koste, halte er es für wichtig, dass sie durchgeführt werde.

Freuen Sie sich auf Kunst- und Musikmomente, die Sie im ganzen Kreis Herzogtum Lauenburg an überraschenden Orten finden.

Melodien und Gesang vom Ufer, vom Waldrand oder vom Balkon – wir möchten Sie mit Musik vom Wegesrand aus der Ferne berühren. Im Vorübergehen, bei einem kurzen Innehalten nehmen Sie die Klänge mit in Ihren Alltag, summen Sie weiter, was Sie gerade gehört haben. Ein Konzert-Moment für Sie persönlich.

Mit…

“Kurmusik aus den Wolken” – ein Streichquartett des Philharmonischen Orchesters der Hansestadt Lübeck (Evelyne Saad und Lucy Finckh, Violinen, Christian Jonkisch, Viola, Sigrid Strehler, Violoncello)

Zu erleben am 21.06. in Büchen und in Geesthacht, 27.06. in Lauenburg und 28.06. in Ratzeburg.

“Dieser Liebe schöne Glut” – Vier junge Opernsänger und -sängerinnen reisen durch die Region. Mit einem Opern-Ensemble der HfMT Hamburg (Freja Sandkamm, Pauline Gonthier, Ljuban Zanovic, Tim Maas), Regie: Michelle Affolter

Treffen Sie auf das Opernensemble am 13.06. in Schwarzenbek, am 27.06. in Ratzeburg und am 04.07. in Lauenburg.

Lorenz Stellmacher gemeinsam mit Günter Klose 

Am Nachmittag des 14.06.in Ratzeburg.

Außerdem: Peter Köhler

Benjamin Lüdke

Jörg Geschke

Niels Rathje

Christina Meier

„Europa im Blick“ hat die Ausstellung, die am Donnerstag, 11. Juni, im Robert-Koch-Park (Mölln) eröffnet wird. Zu sehen sind dort Bilder und Skulpturen von Künstlerinnen und Künstler aus dem Verein „KunstWerk Mölln und Umgebung“. Die Vernissage beginnt um 19 Uhr.

Die Exponate zeigen Ideen, Überlegungen und Eindrücke rund um den Alten Kontinent. Die Künstlerinnen und Künstlicher suchen die Begegnung – mit und ohne Stier. Sie fragen sich, inwieweit von Reiselust geträumt wird und inwieweit von einem Räderwerk, das den Alltagsrhythmus vorgibt. Das Ergebnis sind Gefühlsimpressionen, die kritische Auseinandersetzung – unter anderem mit Grenzen, die wieder allgegenwärtig sind.

So unterschiedlich wie die Künstler sind auch die Werke der Ausstellung. Als Gastausstellerin dabei ist die Lübecker Malerin Evelyn Wisbar. Die Ausstellung im Robert-Koch-Park ist sonntags am 14. und 21. Juni von 15 bis 17 Uhr zugänglich. Darüber hinaus ist sie am 16., 17., 18., 23., 24., 25., 28. und am 30. Juni zwischen 9 und 16 Uhr geöffnet. Im Juli gibt es am 1. und 2. Juli von 9 bis 16 Uhr die Gelegenheit, Bilder und Skulpturen in den Augenschein zu nehmen. 

„Ich ging im Walde/ So für mich hin,/ Und nichts zu suchen,/ War mein Sinn“ – der KulturSommer am Kanal hat in diesem Jahr so ein bisschen was von dieser Volksweise Goethes. Nichts Genaues weiß man nicht. Kann man ja auch nicht wissen, weil Regeln in diesen Tagen kommen und gehen. Sicher ist nur, dass es Menschenaufläufe zu (ver-)meiden gilt.

So gab es am Wochenende eine Eröffnung in Büchen, die gar keine Eröffnung war. Irgendwann tauchten Intendant Frank Düwel und Künstlerin Hanne Lenze-Lauch auf. Quasi aus dem Nichts. Und das Publikum, das so vor sich hin ging und nichts suchte, stellte plötzlich fest: Mensch, wir sind ja auf dem KulturSommer am Kanal!

Sie entdeckten vor Ort Hanne Lenze-Lauchs gelungene Kanu-Wander-Installation „Kan U See the Sky“ und ihr Werk „Möglichkeit zur Katze“. Und weil er nun mal da war, hielt Frank Düwel eine Eröffnungsrede für das Publikum. Wohl zufällig war auch Büchens Bürgervorsteher Axel Bourjau anwesend, weshalb sich der Intendant bei ihm und seiner Stadt für die gute Zusammenarbeit bedankte. Schließlich hatte man im Frühjahr die offizielle Eröffnung des KulturSommers am Kanal 2020 schon durchgeplant. Also alles für die Katz‘? Nein. 2021 finde die Eröffnung des Festivals auf jeden Fall in Büchen statt, versicherte Düwel Bourjau und den anwesenden… Gästen.

Der Regen hat sich am Sonntag endlich verzogen. Ein Segen. Gelegentlich kommt sogar die Sonne raus. Vielleicht erklärt dies ein Stück weit das kleine Wunder, das sich an den verschiedensten Orten des Kreises zeigt. Die Leute sind unterwegs. Sie erforschen die Wegesränder. Es ist, als hätten sie darauf gewartet: Endlich wieder raus in die Landschaft. Endlich wieder KulturSommer am Kanal!

2020 bedeutet das auch, Teil eines Experimentes und Abenteuers zu sein. Man muss die Augen und Ohren offenhalten. Man muss aufpassen, dass man Fingerzeige und Hinweise nicht übersieht und womöglich falsch abbiegt. Doch selbst wenn – jeder Weg lohnt sich. Wiesen und Wälder wären für sich schon eine Schau. Die Kunst kann den Moment warten. Objekte kennen keine Ungeduld.

In Fredeburg geht es über die Bahngleise einen Feldweg entlang. Die Künstler haben ihn die „Allee der Kachelofen-Bäume“ getauft. Den Weg säumen Keramiken von Heidrun und Hans Kuretzky, die zum Teil mit kalligraphischen Arbeiten versehen sind.

Die Kunst am Wegesrand wird hier wie in Borstorf zu einer Begegnung der KuSo-Spaziergänger. Es wird freundlich gegrüßt. Auf Abstand versteht sich. Und wer noch auf der Suche ist, dem wird geholfen. Da hinten geht es längs. In Borstorfer Burgstraße ist der Auflauf noch größer. Mehrere Kunstinteressierte sind mit dem Auto gekommen, um sich die „Kapital Ver Dichtung“ anzusehen. Ein Pfad der Ästhetik und Weisheit, der sich über hunderte Meter hinzieht. Ebenfalls vom Ehepaar Kuretzky gestaltet.

In Büchen stellt Hanne Lenze-Lauch ihre Kanu-Installation vor. Schon morgens um 11 Uhr sind KulturSommer-Besucher vor Ort, um sich das Kunstwerk anzusehen. Intendant Frank Düwel und die Künstlerin reiben sich die Augen. Es gibt keine offizielle Eröffnung und dennoch sind die Leute da.

Stille herrscht dagegen in der Ratzeburger Stadtkirche St. Petri. Eine junge Mutter sieht sich mit ihren beiden Kindern Anja Caroline Franksens Installation „Animae“ an. Ein Meer aus weißen Textilien inklusive Kleiderbügel und Engelsflügel hängen von der Decke. Auf dem Boden ist Stacheldraht ausgebreitet. Weiß. Wie die Textilien.

„Was verbindet Europa? Was hält es zusammen?“ steht unter anderem auf einer von der Künstlerin angebrachten Info-Tafel. Franksens Thema ist das politische Europa. Sie forscht nach der Seelenlage des Alten Kontinents. Wartet sie darauf, dass er Farbe bekennt? Oder sieht sie in all seinen Widersprüchen auch Reinheit oder gar Unschuld?

Die Aufmerksamkeit der Kinder hat das Kunstwerk inzwischen verloren. Während die Mutter nachdenklich auf die Installation blickt, turnen sie zwischen den Bänken herum. Auch das ist Kunst am Wegesrand: Es hält nicht nur das Publikum auf Abstand, es stellt auch frei, ob man über ein Exponat nachdenken möchte oder nicht.

Hans Kuretzky kurbelt die Scheibe runter. „Ich bin gleich wieder da“, kündigt er an. „Dann können wir sprechen.“ 20 Minuten wird es dauern, bis er wieder auftaucht. Zeit, um die Burgstraße entlang zu schlendern. Sie hat sich zum Auftakt des KulturSommers am Kanals in eine Straße der Kunst verwandelt. Über mehrere hundert Meter reiht sich Objekt an Objekt. Wochenlang haben Hans Kuretzky und Ehefrau Heidrun daran gearbeitet. Ursprünglich hätte die Ausstellung später im Jahr stattfinden sollen. In Lauenburg. Dann kam Covid-19, die Absage und die Anfrage vom KulturSommer: Interesse bei „Kunst am Wegesrand“ dabei zu sein?

Die Kuretzkys haben „ja“ gesagt und sich gehörig ins Zeug gelegt. Die Kalligrafin und der Bildende Künstler. Wer der Burgstraße folgt, begegnet nun am Wegesrand dem „Kapital Ver Dichtung“. Protagonisten dieser Installation sind Karl Marx und Heinrich Heine. Gleich an mehreren Stellen nutzt Heidrun Kuretzky ihre Kunst, um Weisheiten der beiden herauszustellen.

„Die Natur“, zitiert sie beispielsweise Karl Marx, „ist sein (des Menschen) Leib, mit dem er in beständigem Prozess bleiben muss, um nicht zu sterben.“ Oder: „Das Geld ist nicht eine Sache, sondern ein gesellschaftliches Verhältnis.“ Marx, der Mann mit dem tiefenanalytischen Weitblick. Mit ihm liegt das 19. Jahrhundert stets an der nächsten Straßenecke und damit immer nur einen Steinwurf von Gegenwart und Zukunft entfernt.

Bei Heine wiederum trifft Wortmächtigkeit auf Menschenkenntnis. „Anfangs/ Wollt ich/ Fast verzagen/ Und ich glaubt/ Ich trug/ Es nie/ Und ich/ Hab es/ Doch/ Getragen/ Aber fragt/ Mich nur/ Nicht/ Wie“ zitiert Heidrun Kuretzky den Dichter. Wie Marx scheint auch Heine – ebenfalls ein Sohn des 19. Jahrhunderts – stets ganz nahe zu sein.

Hans Kuretzky porträtiert Marx am Wegesrand. Er sieht ihn zwischen Zahnrad und Indianerfedern. Der Philosoph weiß noch von Rothäuten, die in Amerika vergeblich um Kultur und Grund und Boden ringen. Opfer des aufstrebenden Kapitalismus, der Stück um Stück selbst in die entlegensten Winkel der Welt vordringt. Marx ist Zeuge und Analyst des ersten große Schubs der Globalisierung, die vor wenigen Monaten eine Vollbremsung hingelegt hat.

Hans Kuretzky hat Draht und Werkzeug dabei. Eine mit einem Spruch Ernst Jandls versehene Zeichnung muss noch an einer der Stelen befestigt werden, die linksseitig der Borstorfer Burgstraße aufgestellt sind.

Dass die Kuretzkys den berühmtesten deutschen Philosophen und den großen Dichter Heine für ihre Arbeit aufrufen, ist natürlich kein Zufall. Er sei davon überzeugt, dass der Mensch aus der Geschichte lernen könne, sagt Hans Kuretzky, während er die Zeichnung mit dem Jandl-Spruch befestigt. Natürlich. Der Borstorfer Künstler erinnert an eine Cholera-Epidemie, die 1832 in Paris ausgebrochen sei. Schon damals hätte es eine starke Verbreitung von Fake-News gegeben. Fake-News – Falschmeldungen: ein paar Stelen weiter findet sich dazu folgendes Bonmot Heines: „Ich weiß nicht, ob andere Leute sich dafür bezahlen lassen, dass sie lügen. Ich habe immer gratis die Wahrheit gesagt.“

Doch die Vergangenheit ist nur ein Aspekt für Hans und Heidrun Kuretzky, um sich in der Gegenwart zu orientieren und Zukunft zu gestalten. Ein weiterer sind neue Ideen. „Ich bin dafür, dass Geldausgeben belohnt werden sollte“, fordert er. Derzeit liege auf den Sparbüchern der Deutschen Kapital im Wert eines Bundeshaushaltes, betont er. „Eine andere Möglichkeit wäre, dass Grundstückspreise nicht mehr steigen“, so der Künstler. Diese Idee stamme nicht von ihm, fügt er hinzu, sondern von einem Wirtschaftsinstitut in Geesthacht

Die Kunst am Wegesrand – bei den Kuretzkys wird sie zum Zentrum essentieller Ideen.

Alles muss raus hieß es Ende vergangener Woche für die Mitarbeiter der Stiftung Herzogtum Lauenburg. Mit dem Pkw waren sie an zig Orten im Kreis unterwegs, um die Plakate für den KulturSommer am Kanal anzubringen und den neuen Flyer „In den Wolken“ zu verteilen. In diesem finden Interessierte die Wichtigsten Infos rund um das Festival.

Unter anderem erfahren die Leserinnen und Leser, an welchen Orten es in der Region Kunst am Wegesrand zu entdecken gibt. Außerdem werden die Soundwalks für experimentelle Klangspaziergänge vorgestellt und auf welche Musiker sich das Publikum 2020 freuen darf.

Überdies weist der Flyer noch mal ausdrücklich darauf hin, dass Kultursommer-am-Kanal.de in diesem Jahr zur digitalen Bühne wird. Also: Alle reinklicken da!

Kein Kanu-Wander-Theater, kein „Was ihr wollt“, kein Shakespeare – zumindest nicht im KulturSommer am Kanal 2020. Die Enttäuschung darüber hat Hanne Lenze-Lauch längst von sich geschoben. Sie hat schlicht keine Zeit, um zu trauern. Die Arbeit ruft. Also hat sie den Werktisch freigeräumt und von vorne angefangen. Statt in Neo-Barock-Kostüme macht die Bühnen- und Kostümbildnerin jetzt in Wolken und in Kunst.

Nach der Covid-19-Vollbremsung hatte Intendant Frank Düwel sie angerufen und klargemacht: Hanne, wir brauchen dich! Der KulturSommer am Kanal wird laufen – trotzdem. Anders. Vor allem digital. Mal schauen, was sonst noch geht. Das Motto ist luftig, doppeldeutig: „In den Wolken“ lässt sich in der Not auf Einsen und Nullen reduzieren, auf Streams, Videos und Podcasts. Es lässt aber auch Raum für mehr. Kein Himmel ohne Landschaft und die Landschaft ist die Kulisse des KulturSommers.

Also hat Hanne angefangen: Zu nähen, zu sägen und zu malern. Das Ergebnis – so viel steht schon mal fest – wird es zur Berühmtheit bringen: Die bauschigen Wolken sind eine wandelnde Kulisse, die sofort ins Auge fällt. Sie passen ins Studio und in die Landschaft. Und sie sind ein Signal: Hier ist der KulturSommer!

Rund zwei Wochen habe sie für die Materialbeschaffung und die Fertigung der Kissen und Holzaufsteller gebraucht, sagt Hanne Lenze-Lauch. „Netto waren es drei bis vier Tage“, ergänzt sie und hat dabei immer auch einen Blick auf ihre kleine Tochter. Wie so viele Frauen muss sie in diesen Tagen beides unter einen Hut bringen – die Betreuung des Nachwuchses und die Arbeit. „Das stresst schon“, sagt sie. Sie müsse nach Zeitfenstern Ausschau halten – gucken, „wann es geht“.

Nach den Wolken hat sich Hanne Lauch nun zwei weiteren KulturSommer am Kanal-Projekten zugewandt. Für die Eröffnung arbeitet sie an einer freien Kunstinstallation. Da sei sie gerade dabei, sagt sie. Dafür habe sie sich bei Ebay kleine und große Figuren gekauft. Ihnen gemein ist, dass es sich um keine perfekten Kunsthandwerke handelt. Hanne Lenze-Lauch will sie nutzen. Sie aufwerten, indem sie die Figuren in ihren eigenen ästhetischen Kontext integriert.

Eine knifflige Aufgabe, aber nicht so knifflig wie die zweite, die ihr Intendant Düwel angetragen hat: Sie soll Kanus zum Fliegen bringen. Es ist der Plan von der Abschaffung der Schwerkraft.

Das Kanu. Beim KulturSommer am Kanal ist es das gängige Mittel zum Zweck, um ein Bühnenspektakel unter freiem Himmel zu ermöglichen. Ohne Kanu kein Kanu-Wander-Theater. So einfach ist das.

Doch was ist in Zeiten des Abstands noch gängig? Die Kanus als Vehikel für den Schauspielfreund sind es jedenfalls nicht. Wie so viele und vieles benötigen sie, um gebraucht zu werden, in diesen Tagen eine andere Rolle. KulturSommer am Kanal-Intendant Frank Düwel hat sie gefunden. „Die Kanus, die die Gäste immer geduldig gefahren haben, hatten zu diesem Zeitpunkt die Sehnsucht, mitzuspielen und Teil der poetischen Geschichte zu sein. Die Kanus verlassen das Wasser.“

Die Boote werden also zu Akteuren – zu Protagonisten. „Sie wandern zu den Menschen“, so Düwel weiter, „sie schweben leicht durch die Orte, die sie besuchen.“ Die Schwerkraft sei bei ihnen aufgehoben, sie seien von Fischen, Vögeln und Wolken umgeben. Es handele sich um „fröhliche Kanus“, die als Installationen und Skulpturen einen poetischen Humor verbreiten sollen.

Wie diese von der Schwerkraft befreiten Kanus aussehen, kann das KulturSommer am Kanal-Publikum zunächst am Sonntag, 7. Juni, in Büchen entdecken. Von dort werden sie dann eine Reise durch den Kreis antreten. Eher schwebend als schwimmend versteht sich. Helden ihres eigenen Schauspiels.

Physikern könnte dieses Phänomen Kopfzerbrechen bereiten. Den Protagonisten des Kanu-Wander-Theaters womöglich auch. Nur haben auch sie in Zeiten des Abstandes eine neue Rolle gefunden. Welche das ist? Nun, verehrtes KulturSommer am Kanal-Publikum: Sie werden es erfahren, Sie werden es erleben.